Tea for two in New York

Times Square

Bummel durch Manhattan

 

Tea for two ist »in« zur Zeit in New York. Es ist ein genussvolles und beinahe romantisches Vergnügen in einer Weltmetropole, die als überfüllt und laut, hektisch und brutal verschrien ist.

 

New York ist nicht unbedingt etwas für Romantiker, Träumer und stilvolle Beobachter der alten Schule im Zeichen der blauen Blume. Es ist ein Ort für Individualisten, eben deshalb ideal für einen individuellen Urlaub. Vielleicht ist die Stadt nicht das Traumziel von Pauschal-Touristen, doch ganz gewiss die ganz persönliche Erfahrung jedes Reisenden.

 

Nichts stimmt, was man an Meinungen über New York- hört. Jedem Urteil lässt sich sogleich eine gegenteilige Erfahrung entgegenhalten. Das macht diese Stadt so aufregend. Es gibt kaum einen Platz auf der Welt von derart unbändiger Lebenslust. Nirgendwo sonst könnte man kopfstehend mitten auf einer belebten Straße die Gedichte Goethes rezitieren, ohne große Beachtung zu finden. Wer null aber meint, die New Yorker seien blasiert bis extrem teilnahmslos, hat sich wieder getäuscht. Die Metropole ist voller Widersprüche und verschließt sich einer vorschnellen Wertung. Das macht diese Stadt so geheimnisvoll.

 

Sicher, zur »rush-hour« kann man die New Yorker von ihrer rüdesten Seite kennen lernen. Zum Erfahrungsschatz eines Reisenden muss dies nicht unbedingt dazugehören. Ebenso wenig wie es eine Pflichtübung sein muss, den oft haarsträubenden Fahrstil der Taxifahrer zu erleben. Der merklich gestiegene Blutdruck mag nicht jedem gleichermaßen gut bekommen. Doch es gibt ja verschiedene, durchaus weniger »stressige« Möglichkeiten, sich durch Manhattan zu bewegen- Man kann sich in venezianischen Gondeln durch den Central Park schippern lassen oder mit einer Pferdekutsche durchfahren. Man kann mit dem Hubschrauber zu l0- oder 40-Minuten-Rundflügen an der 34. Straße/East River starten, um sich die Millionenstadt von oben anzuschauen. Oder man kann tagsüber mit der Subway fahren trotz aller Horrormeldungen wieder ziemlich sicher. schnell, preiswert und teilweise in neuen, sauberen Zügen. Und man kann zu Fuß quer durch Manhattan wandern - die beste Möglichkeit, diese Stadt zu erkunden.

 

In Midtown findet zur Zeit ein gigantischer Architekturwettstreit statt. Unzählige Türme, mehr als 50 in den 80er Jahren erbaute Wolkenkratzer streiten mit Eleganz, Selbstbewusstsein und Einfallsreichtum um Gunst und Aufmerksamkeit im Zeichen des neu erblühten Reichtums. Sehr beliebt das aus Stahl, Glas und rosa Granit erstandene »Casual Quilted Giraffe« im AT & T-Building, das in der 550 Madison Avenue/55th Street errichtet wurde, Marktstein der »Postmodeme«. Phantastisch das über acht Meter hohe Standbild »Goldener Boy«. In der weißen Aluminiumfassade des Citicorp Center mit seinem abgeschrägten Dach und baumbestandenen Atrium in der Lexington/54th Street reflektiert das Sonnenlicht die umliegenden Gebäude. Im 68 Stockwerke hohen Trump Tower (725 Fifth Avenue/55th Street) mit sechsstöckiger Shopping-Arkade sind zahllose Geschäfte, Büros und Luxuswohnungen unter einem Dach vereint. Von den rosafarbenen Wänden tropfen kleine Wasserkaskaden, alles »für die Besten der Welt« gedacht. Das Rockefeller Center (Fifth und Sixth Avenue/48. und 50. Street) ist eine »city within a city«. Gegenüber auf der anderen Seite die neugotische St. Patrick's Cathedral - majestätisch inmitten der sie überragenden Glas- und Betonfassaden der Wolkenkratzer. Gepflegt und piekfein ist die Upper Eastside. Schwere schwarze Limousinen mit Chauffeuren fahren durch die Häuserschluchten. An einer ehemals völlig heruntergekommenen Stelle entstellt ein eleganter Glaspalast-. das Jacob Javits Convention Center. Die elegante Fifth Avenue ist die Prachtstraße der Parraden, der Hotels und Wolkenkratzer. Hier findet man Warenhäuser wie Altmann, Saks und das Einkaufszentrum im Trui-np Tower. Viele Fluglinien haben ihr Stadtbüro in der Fifth Avenue.

 

Broadway

Madison Avenue: Die Straße der Boutiquen und Salons. der teuersten Geschäfte (zwischen der 50. und 80. Street). Kosmetik, Möbel, Textilien, Keramiken. Frauen in teuren Pelzen, mit ondoliertem Haar und maskenhaft geschminkten Gesichtern, undefinierbaren Alters. Yves St. Laurent, Ungaro, Kenzo, Lauren, Givenchy, Tiffany. - Lexington-Street, die Third. Second und First Avenue: Restaurants, Waschsalons, Supermärkte. Auch die strengen, kalten Bauten des United Nations Komplexes architektonisch eigentlich längst überholt. Aber auch dies ist die Upper Eastside: Apartmenthäuser aus den zwanziger Jahren, Luxusrestaurants, Erstaufführungskinos und Museen: Das Metropolitan Museum of Art, das Museum of Modern Art, das Guggenheim-Museum.

 

Zudem: Der Tempel Emanu-EI und das Waldorf-Astoria-Hotel. Schließlich: Das Flatiron Building, das Bügeleisen-Gebäude. Hier zweigt die Fifth Avenue vom Broadway ab. Doch zwischen all diesen »Turmplagen« finden sich Oasen der Ruhe. In der Ford Foundation zwischen Central Station und UN-Gebäuden lädt ein Gewächshaus zum Verweilen ein. Auch der Bambuswald im Erdgeschoss des 186 Meter hohen Turms aus poliertem grünen Granit der IBM-Building ist vorbildliche Stätte der Besinnung, wo der gestresste New Yorker für einen Moment »abschalten« kann (Madison Avenue/57. Street). Warme Farben kennzeichnen die vier Türme, in die Merrill Lynch, Dow Jones und American Express eingezogen sind. Der wiedererwachte Repräsentationsstil zeigt sich an der glasüberdachten Passage und der gigantischen, mit 27 Marmorsorten geschmückten Lobby. Daneben laden herrliche Plazas dazu ein, sich vom Trubel, abseits des lärmenden Straßenverkehrs und hupender Autos, in der wärmenden Sonne zu erholen: Lower Plaza des Rockefeller Centers, Gartenrestaurant im Sommer, Schlittschuhbahn im Winter. Mit goldglänzender Statue.

 

Manhattan ist die Stadt der Ein- und Aussteiger, der Gewinner und Verlierer, des Reichtums und der Armut. Folgt man den Avenues nach Süden in die Lower East Side in Richtung Houston Street, Manhattan Bridge, Delancay Street, so kommt man in eine Gegend, die von alten Mietsblöcken beherrscht wird. Seite an Seite mit Armen und Obdachlosen leben hier auch wohlhabende Leute in originell eingerichteten Atelierwohnungen. Im ehemaligen Studenten- und Künstlerviertel Greenwich Village sind Kneippen und Restaurants bis Soho, Reich der Mode-Boutiquen, das Viertel mit der dichtesten Galerien-Ansammlung der Welt (Mary Boone, Castelli, Sanders, Dapy). Der Name steht für »South of Houston Street«. Früher ein Arbeiterviertel mit Fabrikhallen und Manufakturen, war es in den 60er Jahren total verwahrlost und wurde damals von Künstlern entdeckt. Heute sind die Mieten enorm gestiegen, die Künstler (wie in Greenwich Village zuvor) geflohen, befindet sich hier eine Ansammlung von Coffee-Shops, Bar.- und exquisiten Restaurants wie dem französisch angehauchten Province (38, MacDougal Street). Diese Entwicklung setzt sich südlich der Canal Street, im Triangel below Canal Street (TriBeCa) fort.

 

Dieser Komplex einer eigenen Welt zwischen Greenwich Village, Little Italy, Chinatown und Soho zeigt dem Besucher ein weitgehend unbekanntes New York. Es atmet Atmosphäre, ist faszinierend, trotz geschwärzter Mauern und verrosteter Brücken, durchlöcherten Asphalts und baufälliger Gebäude. In Little Italy (nördlich der Canal Street, in der Mulberry, Ecke Grand und Mott Street) findet der Traveller gemütliche italienische Restaurants, rot-weiß-karierte Tischtücher und Tropfkerze in der Chiantiflasche, Capuccino und Espresso inclusive. Die eisernen Feuerleiter-Treppen an den Außenfronten der Häuser. kunstvoll aus Eisen geschmiedet, sind beliebte Photomotive. Kunstvolle Eisenkonstruktionen vieler Gebäude, über 100 Jahre alte Häuser aus Gusseisen finden sich in Little Italy und Chinatown. Dieses. noch exotischer, sich aber bereits mit Little Italy vermischend, schließt sich südlich an. Telefonhäuschen in Form kleiner Pagoden, chinesische Schriftfahnen über den Straßen, Schilder. Fisch, Obst, Gemüse aus dem chinesischen Warenangebot: Lotuswurzeln und bittere Melonen, schwarzer Kohl und Enteneier, sonnengetrockneter Fischmagen oder Haiflossen sowie Baumpilze. Insbesondere an den Wochenenden wälzt sich hier auf den Straßen eine wogende Menschenmenge. Mütter mit Babys auf dem Rücken oder vordem Bauch, Väter mit Kindern auf dem Rücken, plärrende Straßenmusik, Jeans, Bücher, Modeschmuck, Geschäfte und Straßenläden.

 

An der Peripherie, östlich von Bowery, ist die Stadt schon wieder im Umbruch: Viele glitzernde neue Restaurants entstehen, deren Stahl- und Glaskonstruktionen den Baustil von Hongkong zu imitieren suchen.

 

Weiter südlich der Endpunkt Manhattans: Financial District und Battery Park. Eine Collage dichtgedrängter Gebäuderiesen, die Granit- und Marmorwelt der Hochfinanz. Anders als die rotbraune Backsteinwüste Downtowns oder als Midtowns Wolkenkratzer, die mit spitzen Türmen älter, aber auch weniger monolithisch wirken. New York Stock Exchange, die Wertpapierbörse. Wenn sie hustet, bekommt die Welt Grippe. Wall Street - der Name ein Begriff für Finanzmacht schlechthin. Das World Trade Center – mit keinem 28-mm-WeitwinkelObjektiv aus der Nähe auf ein Bild zu bannen. Es wird erst richtig attraktiv, wenn die kalten Strukturen verschwinden und sich in einem Meer von Lichtern auflösen.

 

Im Norden der Metropole, 110. bis 155. Street, regieren Schmutz und Armut, Hoffnungslosigkeit und Aggressivität. Central Harlem: Das bedeutet arbeitslose Schwarze, lange, dreckige, baumlose Straßen Häuser mit abgeblätterter Farbe und blinden Fenstern, riesige Schuttplätze.

 

Und doch: In der 137. und 138. Street, zwischen der Seventh und Eighth Avenue, wohnen Rechtsanwälte, Ärzte, Richter in Straßenzügen, die zu den architektonisch schönsten New Yorks gehören. Am meisten los ist zwischen der 125thStreel, Fifth Avenue und dem Broadway sowie in der 116th Street zwischen Park und Lexington Avenue. Mittlerweile am Tage durchaus zu besuchen. Daran anschließend das Spanische Harlem: East 96th und West 1l0th Street bis East 116th und West 120th Street von Lexington und Madison sowie Fifth und Lenox Avenue. Die Lunge Manhattans, der Central Park. Ein riesiges Areal. herrliches Ausflugsziel an einem Sommernachmittag. ier finden Shakespeare-Aufführungen, konzertante Veranstaltungen, Pop- und Rockkonzerte statt. Picknickkörbe, Radios, Liebespärchen, Rollschuhläufer, ein Teich. Allerdings: Ein abendlicher Bummel, allein mit goldener Armbanduhr, auf einsamen Wegen - das kostet im Zweifel mindestens die Armbanduhr und ein paar Dollar »Auslöse«.

 

Umzug von ethnischen Gruppen in Manhattan
St. Patricks Cathedrale

New York - das ist die Verkörperung von Beharrlichkeit gegenüber Schwierigkeiten, ist Toleranz und gesunde Skepsis. Manhattan ist auch verrückt und ordinär. Der Broadway zeigt sich am Tage schäbig, unscheinbar und enttäuschend. Der Block 4th Street zwischen Seventh und Eigth Avenue ist besonders verworfen. Dort, wo deutsche Touristen im Eden Hotel oder im Century Paramount absteigen, zeigen sich Drogenhändler und Prostituierte in bunter Reihenfolge mit selbsternannten Heilsbringern. Am nahen Times Square, dem Treffpunkt der Welt, dem Glitzerding am Abend, gegenwärtig eine riesige Baustelle, wird letzter pornographischer Schund angeboten. Und dennoch, auch hier ein Theaterviertel mit enormer Faszination und magischer Anziehungskraft. Wer es hier schafft, der ist »gemacht«, bekannt, umschwärmt. Wenige nur schaffen es...

 

Wer die Weltmetropole New York aufnimmt und akzeptiert, so wie sie ist, widersprüchlich, elegant und schmutzig, brutal und verrückt, elektrisierend und ordinär, exotisch und faszinierend, romantisch und laut, wird mit Eindrücken und Erlebnissen bereichert zurückkehren, die Langzeitwirkung zeigen.